Peter    
  
Geschichten aus der Rätezeit in München 1919



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Du kleiner, vergnügter, schwarzer Geselle, wie war dein Hundedasein so springlebendig und zugleich so urgemütlich. Ganz beherrscht von einer rührenden Anhänglichkeit und Treue und dabei so reich an fidelen Schelmenstreichen.

 

Ende Mai 1919 war’s, kurz nach den bangen Tagen der Münchner Rätezeit. Das jüngste Herrchen lag in der Wohnung in der Maximiliansstraße faul auf dem Sofa und las eben mit großem Interesse in Karl May’s  „Blaurotem Methusalem“, wie die chinesischen Zwiebelhändler ihr Dasein abwechselnd mit Zwiebelschneiden, Augenwischen, Nießen und Naseputzen verbringen, da traten die Eltern mit froh gestimmten, erwartungsvollen Gesichtern zur Türe herein. Von Papas Arm hopste ein kleines, einem schwarzen Tintenwischer ähnelndes Etwas mit einem kühnen Satz zu Boden. Es fühlte sich sichtlich nicht gerade behaglich, was es wenige Minuten vorher auch durch einen Fluchtversuch, übrigens den einzigen Flucht-versuch seines Lebens, unter Beweis gestellt hatte. Aber der Empfang des vierbeinigen, possierlichen neuen Familienmitgliedes war so herzlich und begeistert, dass dieses die Umwand-lung von einem misstrauischen und fremdelnden Häuflein Unglück in ein schnackerlfideles, übermütiges Schachtelteuferl in kürzester Zeit vollzog. Den ganzen Hundekopf hatte er voll Unsinn und spitzbübischen Streichen. Der ganze kleine Kerl war geladen von Energie. So  begann von nun an Peter, diesen Namen hatte der neue Hausgenosse bei seiner Geburt erhalten, sein Hundetagewerk damit, bei der ersten Gelegenheit in das Schlafzimmer herein zu schlüpfen, mit mächtigen Sätzen von Bett zu Bett zu springen und zum (5 Uhr ) Morgengruß die friedlichen Inlieger dieser Betten freudestrahlend und bellend zu piesacken.
Da wurde mächtig gerolzt, die Kissen und Decken wurden gezerrt und geschüttelt und Frauchen und die Herrchen blitzschnell in die Nase gebissen oder am Ohr gezupft; wohlgemerkt, bei allem Feuer doch zart und in den Grenzen des freundschaftlichen Spiels. Die kleinen Bisse waren betont und unbewusst herzhaft, nie so, dass sie wirklich wehgetan hätten.
Das vergnügte Toben ging dann im Wohnzimmer weiter. An den Herrchens hochspringen, sich um die eigene Achse, dem eigenen, kleinen Schwanzstummel nach, herumdrehend, auf die Stühle oder von Stuhl zu Stuhl hüpfend oder wie  ein Irrwisch unter die Möbel, besonders unter das Lieblingsmöbel, das Sofa,  zu fahren. An den Aufenthalt unter dem Sofa gewöhnte sich Peter so sehr, dass er als ausgewachsener Hund sich mit mühsamen Schlangenwindungen noch unter das Sofa zwängte. Dies tat er besonders dann, wenn ihm einmal nicht recht wohl zumute war. Dann lag er unter dem Sofa, steckte den Kopf hervor und setzte womöglich noch leicht die Augen verdrehend oder rollend, eine Mitleid heischende Leidensmiene auf. Der Zufall wollte es, dass dies mehrmals mit politischen Unruhen, die damals in München nicht selten waren, zusammentraf. Schließlich bürgerte sich der Brauch ein, dem Peterle, wenn er mit vorwurfsvoller Leidensmiene unter dem Sofa hervorlugte, erschrocken zu fragen, ob politisch wieder etwas nicht in Ordnung sei.
Peterle, bei seiner Ankunft vier Monate alt, hat sich rasch zu einem ausgewachsenen Affenpinscherexemplar mit dem stattlichen Gewicht von etwa vier Kilogramm entwickelt. Ein kleiner Kerl, aber doch kein Spielzeug, vielmehr, wenn es sein musste, ein recht draufgängerischer schwarzer Deifi (Teufelchen). Das charakteristische an ihm war der Schnauzbart, der dem Gesicht eine Anstrich von Biederkeit verlieh und ein Zug fidelem Grinsen um die Augen. Nicht weniger als fidel, sondern recht verzweiflungsvoll war aber Peterle’s „Lachen“, wenn er gekratzte Geigentöne oder hohe Flötentöne hörte. Dann zuckte es erst verdächtig um den Schnauzbart, dann wurde derselbe in die Höhe gezogen, dass die Zähne sichtbar wurden, schließlich bei gesteigerter musikalischer Ekstase wurden Kopf und Hals zur Höhe gereckt. Dann wurde das Maul zu einer runden Öffnung geformt, aus der die schmel- zendsten Töne des Gesanges entflohen. „Das sind ja Kopftöne“, sagte eine befreundete Gesangspädagogin einmal ganz begeistert, als sie Peterle singen hörte. Peters Sängertum hatte noch einen Vorteil. Wenn er einmal die Medizin nicht einnehmen wollte, so blieb als letztes Hilfsmittel übrig, dass einer der Herrchen schändlich geigte oder flötete und das Frauchen dann dem überlisteten Peter in den bereitwillig zum Gesang geöffnete Schlund die Medizin hinunter goss. Der Vorwurf, der dann in des Sängers Blick lag, dass man den zarten Schmelz seiner Töne so grausam gestört habe, ist allerdings nicht zu beschreiben.

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Unser Pinscher war  ein ausdauernder Fußgänger und guter Läufer. Wenn er über freie Flächen, Wiesen oder Äcker lief, dann konnte es vorkommen, dass er seinen Lauf mit einigen hohen langsamer werdenden, gleichsam zögernden Hopsern abschloss. Seine ganze Erscheinung sah dann ganz erheblich der Vorstellung ähnlich, wie man sie sich als Kind vom Onkel Osterhase macht. – Aus einem Zweikampf mit einem Dorfköter trug unser Held ein verstauchtes Hinterbein davon. Deshalb musste er viele Wochen lang auf drei Beinen laufen, also in der Beinstellung, die welche die männliche Hundewelt sonst nur bei gewissen, hier nicht weiter zu erörternden Zeremonien einnimmt, er so für längere Zeit behielt. Peter wurde bald ein solcher Meister im Schnelllauf auf drei Beinen, dass er, längst wieder hergestellt, wenn er ganz schnell laufen wollte, im Eifer in das Laufen auf drei Beinen zurück verfiel.

Fortsetzung Peter

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